Um-/Benennung von Straßen und Plätzen



Mit Otto Rosenberg und May Ayim werden im Stadt­raum Berlin zwei Per­­sön­­lich­­kei­­ten ge­ehrt, die sich aktiv dafür ein­ge­setzt haben, Rassis­mus öffent­lich zu the­­ma­­ti­­sie­­ren. Dass heute zwei Straßen und ein Platz an ihr En­gage­ment er­in­nern, ist ein Er­geb­nis lang­wie­ri­ger poli­ti­scher Kämpfe. 2007 werden am Gedenk­ort des ehe­ma­li­gen Zwangs­lagers in Marzahn eine Straße und ein Platz nach dem Bür­ger­recht­ler Otto Rosen­berg be­nannt. 2010 fin­det die Um­benen­nung des Gröben­ufers in Kreuz­berg statt. An­stel­le eines preußi­schen Mili­tärs, der für die kolo­nia­le Be­tei­li­gung Bran­den­burg-Preußens am Trans­at­lan­ti­schen Ver­skla­vungs­han­del steht, trägt die Straße nun den Namen der Akti­vis­tin, Dich­te­rin und Wis­sen­schaft­le­rin May Ayim.

Um die Um-/Be­nen­nung ande­rer Straßen, die histo­ri­sche Ver­bre­chen ver­harm­lo­sen, frag­wür­di­ge Per­so­nen wür­di­gen und un­kri­tisch an kolo­nia­le oder natio­nal­so­zia­listi­sche Deu­tun­gen von Ge­schich­te an­knüp­fen, gibt es nach wie vor er­bit­ter­te Aus­ein­ander­setzun­gen. Dabei wer­den Kon­flikt­zonen sicht­bar, die herr­schen­de Ge­schichts­bilder und Er­in­nerungs­poli­ti­ken auf unter­schied­liche Weise her­aus­for­dern.

Einige „Um­be­nen­nun­gen“ die­nen eher der Ver­schleie­rung von un­lieb­sa­men histo­ri­schen Epo­chen als ihrer Auf­ar­bei­tung. Die Peters­allee im Afri­ka­ni­schen Vier­tel – im Natio­nal­sozia­lis­mus nach einem der größten Kolo­nial­ver­bre­cher be­nannt – wird 1986 ein­fach um­ge­wid­met und ehrt nun einen CDU-Polit­iker glei­chen Namens. Nach diesem Schema würde die Mehr­heit am lieb­sten auch mit dem Nachti­gal­platz und der Lüde­ritz­straße ver­fah­ren. Die Namen der bei­den be­trü­ge­ri­schen Be­grün­der der Kolo­nie Deutsch-Süd­west­afri­ka, heute Nami­bia, könn­ten so sang- und klang­los mit dem Namen eines Theo­lo­gen bzw. einer nami­bi­schen Stadt über­schrie­ben wer­den, den diese ihrem Kolo­ni­sa­tor ver­dankt.

Gern wer­den im Vor­feld von Um­be­nen­nun­gen die An­woh­ner*in­nen be­fragt, denn die meisten stim­men in der Regel da­ge­gen: zu teuer seien neue Brief­köpfe, zu auf­wen­dig der Gang zur Melde­be­hör­de. Im Fall der Treitsch­ke­straße, die an einen der ein­fluss­reichs­ten anti­se­mi­ti­schen Histo­ri­ker er­in­nert, baut das Aktions­bün­dnis für die Um­be­nen­nung die­sem Ar­gu­ment vor und fin­det sogar einen Spon­sor: Eine Drucke­rei bie­tet an, ent­ste­hen­de Kos­ten an­tei­lig zu über­neh­men. Trotz­dem stim­mt die Mehrheit der An­woh­ner*in­nen 2012 da­ge­gen. Vielen sind Thema, Ge­schich­te und Namens­ge­ber ihrer Straße schlicht egal. Dass die Mei­nung von 226 Per­so­nen als „Mehr­heits“­ent­scheid für die er­in­ne­rungs­poli­ti­sche Ge­stal­tung des Stadt­raums ge­wer­tet wird, ist aller­dings kein Bei­spiel für „direk­te De­mo­kra­tie“, son­dern be­denk­lich.

Was be­deu­tet es, wenn Per­so­nen im öffent­li­chen Raum ge­ehrt wer­den, die, wie Peters, für bruta­le Kolo­nial­ver­bre­chen ste­hen oder, wie Treitsch­ke, als Weg­be­rei­ter des Holo­caust gel­ten? Was sagt es über eine Er­in­ne­rungs­kul­tur und -poli­tik aus, wenn herr­schen­de Er­zäh­lun­gen allen Ein­sprü­chen zum Trotz fort­ge­schrie­ben und kri­ti­sche Dis­kus­sio­nen zu­guns­ten von Wäh­ler*in­nen­stim­men ver­mie­den wer­den? Und welche Zei­chen wer­den ge­setzt, wenn der Zu­sam­men­hang von Sprache und Ge­walt ver­harm­lost und wie­der­hol­te Hin­weise da­rauf nicht ernst ge­nom­men oder ig­no­riert wer­den?